Pussy Riot: Aufstand nach dem Aufstand

Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot veröffentlichten vor einigen Tagen das Video zu ihrem ersten englischen Song. In dem Musikvideo geht es um den Tod von Eric Garner im Sommer 2014 durch Polizisten in New York . “I can’t breath” waren die letzten Worte des 43-jährigen Afroamerikaners bevor er im Würgegriff eines Polizeibeamten starb. Tausende gingen im Dezember auf die Straße als diese Polizeigewalt ungesühnt blieb.

Tribut oder Instrumentalisierung?

Der Titel des Pussy Riot Songs gibt die letzten Worte von Eric Garner wieder. Auf ihrem YouTube-Channel schreiben sie: “Pussy Riot’s first song in English is dedicated to Eric Garner [...] for political prisoners and those on the streets fighting for change. We stand in solidarity”. Aljochina und Tolokonnikowa haben sich beachtliche musikalische Unterstützung für den Song ins Boot geholt: Die New Yorker Punklegende Richard Hell und Nick Zinner von den Yeah Yeah Yeahs. Im Video tragen beide eine russische Polzeiuniform, die bei Einsätzen gegen Demonstranten getragen wird, während sie in einem Grab liegend mit Erde zugeschaufelt werden. Der Sound kommt dramatisch daher: Stampfender Rhythmus mit blechernen Beats. Der Refrain “It is getting dark New York City” mit Klavier unterlegt, durchaus eingängig. Die Bildsprache erinnert an mobilisierende Videos von NGOs wie Amnesty International. Für mich wenig überzeugend. Ein Aufreger, der die gegenwärtige Protestbewegung in den USA stärkt? Oder wird hier vielmehr Garners Tragödie instrumentalisiert?

Engagierte Kunst, Musik – oder was?

Protestbewegungen suchen nach Ikonen, Vorbildern, Helden. Nach der Entlassung aus russischen Straflagern 2013 wurden auch die beiden Pussy Riot Aktivistinnen zu Heldinnen stilisiert. Sie machten Kunst, Punk und mussten ins Gefängnis. Das hat beeindruckt. Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa haben was draus gemacht, reisen durch die Welt, haben eine NGO gegründet, sich aber auch mit dem Kollektiv überworfen… und jetzt das Musikvideo. Der Heldinnenstatus der zwei bekannten Pussy Riots hängt in der Peripherie zwischen Kunst und Pop fest. Vielleicht haben sie sich deswegen solidarisiert – wollen weg vom Gegenstand des eigenen Protests hin zum Testimonial einer unabhängigen politischen Bewegung. Aber welche Bedeutung kann hier noch der Musik zugeschrieben werden?

Das Punkgebet-Video in Strick-Sturmhauben in einer Moskauer Kirche (2012), hat es immerhin in den MoMa (Museum Of Modern Art /NYC) Ableger PS-1 geschafft. Das Prinzip der Frauen in Neon-Sturmhauben war, dass jede eine Pussy Riot sein kann. Sie waren im Kollektiv anonym und ausschließlich mit illegalen Überraschungskonzerten aktiv – darin und im Punk der Performances, lag das politische als auch künstlerische Potenzial. Aber was ist jetzt – jenseits des Kollektivs? Soll das jetzt Politik sein, Kunst oder globaler Pop? Ein neues Wirkungsfeld wird erprobt. Zumindest mich überzeugt es bisher nicht – weder musikalisch noch aktivistisch.

Eric Garners tragische letzten Worte wiegen schwer. Dieses Musikvideo vermag ihnen nicht noch mehr Gewicht zu geben. Den öffentlichen Diskurs zu Polizeigewalt und Rassismus in den USA steuert er vielleicht etwas bei – aber nicht in dem Maße einer subversiven Krawallmanier. Wie das Video in Russland ankommen mag – ich fürchte, es juckt kaum jemanden.

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