Am hellgrünen Hang vergesse ich, wo ich bin

Am hellgrünen Hang vergesse ich, wo ich bin

Die Mittagssonne hängt steil über den Bergen. Der Muezzin ruft zum Gebet. Ein Bach rauscht beständig an der Moschee vorbei. Überall ist Wasser in diesem Tal. Es zieht sich in vielen kleinen Läufen durch die Stadt. Srebrenica. Wasser, das zwischen Erinnerungen fließt.

Crni Guber, Srebrenica. Foto: J.Behrens

Crni Guber, Srebrenica. Foto: J.Behrens

 

Die Förderation Herzegowina hinter uns und Sarajevo im Rücken fahren wir in die Serbische Republik. Leichtsinnig verlassen wir uns auf die Navigation mit dem Smartphone. Doch die Verbindung reißt ab, Google Maps streikt. Die Papierkarte zeigt Wege, die es nicht gibt. Ortsschilder? Wozu. Irgendwann sind wir einfach abgebogen – und mitten im Nichts gelandet. Asphalt wich rostrotem Schlamm. Über Schotterstraßen fahren wir südlich an die „silberne“ Stadt heran. Vorbei an tiefen Schluchten mit roten Warnschildern an den bewaldeten Straßenrändern. Die Totenköpfe darauf sagen Minen. Endlich ein Ort, endlich eine feste Straße. Srebrenica. Im Mittelalter bekannt für seine Silberminen – heute für den Genozid an ungefähr 8.000 muslimischen Jungen und Männern während des Bosnien Kriegs 1995. Polizeikontrolle an der ersten Ecke. Wo wir hin wollen? Wir sagen, wir verstehen nicht. Sie lassen uns passieren.

Srebrenica. Foto: J.Behrens

Srebrenica. Foto: J.Behrens

An der ersten Kneipe im Ort halten wir – direkt neben der Moschee. Die Wirtin erzählt, zwei Tage vor unserer Ankunft gab es einen Terroranschlag in Zvornik ca. 30 Km entfernt. Laut bosnischer Medienberichte erschoß ein Salafist einen Polizisten und verletzte zwei weitere. „Allahu Akbar – Gott ist groß“ soll er gerufen haben, bevor sein Schrot auf Menschen traf. Es heißt auch, er verlor seinen Vater im Krieg. Das war 1992. Da war er erst ein Jahr alt. Nerdin, ist sein Name. Ein IS-Rückkehrer soll sein Souffleur gewesen sein. Keine Treffer bei Google News auf deutsch oder englisch. Nur eine italienische Agentur berichtet über Terror in Bosnien.

Nachts bellen die Hunde

Sobald es dämmert laufen wilde Hunde durch die Straßen oder bleiben einfach mitten auf ihnen liegen. Der zentrale Platz vor der Moschee gehört dann ganz selbstverständlich ihnen. Sie treffen sich in losen Rudeln. Das bellen hört auf, wenn der Muezzin noch vor der Morgendämmerung zum Gebet ruft. Sein Gesang hängt blechern in der Schlucht. Schallt von einem Berg zum anderen und sammelt sich wie in einem Trichter vor der Moschee. Wenn die Sonne von Osten her die weißen Stehlen auf den muslimischen Friedhöfen an den Hängen berührt, gehört die Stadt wieder den Menschen.

Friedhof in Potocari. Foto: J.Behrens

Friedhof in Potocari. Foto: J.Behrens

Versöhnung und Annäherung jeden Tag aufs Neue

Jetzt, nach diesem Terrorakt, machen sich die Muslime sorgen, erklärt der Imam der Gemeinde Damir Pestalic. Er selbst kenne in Srebrenica und Umgebung keine radikalisierten Wahabiten oder Salafisten. Aber er weiss, in Bosnien gibt es welche. Doch die Regierung mache nichts gegen sie. Für alle, die an der Versöhnug und Annäherung kämpfen, sei die Islamisierung von Gewalttaten ein Rückschlag. Solche Kinder wie Nerdin gebe es hier viele. Und keiner kümmert sich um sie. Der erschossene Polizist soll am Genozid beteiligt gewesen sein.

Damir Pestalic mit seiner Tochter vor der Moschee. Foto: J.Behrens

Damir Pestalic mit seiner Tochter vor der Moschee. Foto: J.Behrens

„Wenn die Mütter von Srebrenica es schaffen hierher zurück zu kommen, dann kann ich es auch“, so der Imam. Er wünscht sich, dass er noch miterleben darf, wie Srebrenica zur schönsten Stadt der Region wird. „Hier möchte ich begraben werden,“ sagt er. Eine weiße Stehle am Hang.

Am hellgrünen Hang zwischen Erdbeerblüten

Fatima ist 13. Sie reitet jeden Tag. Kümmert sich um die Tiere, 16 Pferde, neun Ziegen, Hunde und Katzen. Sie bestellt auch den Acker. Zusammen mit ihrem Vater, der Mutter und den drei Schwestern.

Fatima in den Bergen bei Srebrenica, Foto: J.Behrens

Fatima in den Bergen bei Srebrenica, Foto: J.Behrens

Nach der Arbeit macht Fatima Hausaufgaben, isst etwas und schaut fern. Freunde kommen nicht zu Besuch. Zur Schule fährt sie runter in die Stadt, nach Srebrenica. Sonst gibt es keinen Anlass dort zu sein. Deshalb bleibt sie hier oben in den Bergen. Wo ihr liebster Platz hier ist, frage ich. Sie schaut mich an und scheint sich zu wundern. Überall hier. Ihr Zeigefinger weist auf den Boden. “Das alles hier ist schön”. In fünf Jahren ist sie fertig mit der Schule. Vielleicht will sie Geschichte, Mathe oder Geographie studieren. Aber hier von ihren Bergen weg, das möchte sie nicht. Nur gibt es hier keine Perspektive zum Bleiben. Höchstens Lehrerin in Srebrenica werden.

Am Hang in den Bergen um Srebrenica.Foto: J.Behrens

Am Hang in den Bergen um Srebrenica.Foto: J.Behrens

In der Ferne bellen Hunde. Sie passen auf die Pferde auf. In der Nacht. Damit die Wölfe sie nicht reißen. Zwei Pfohlen, eines gerade einmal einen Monat alt, grasen am Hang zwischen Erdbeerblüten. “Die leckeren kleinen süßen”, sagt Fatima. Ihre hellbraunen Haare reichen bis zur Hüfte, sind zu einem lockeren Zopf gepflochten. Am Morgen war er bestimmt ganz fest. Jetzt fallen einzelne Strähnen in ihr gebräuntes Gesicht. Braun vom vielen draußen sein.

Eine unsichtbare Mauer zwischen dem was war und dem was ist

Wir treffen Nermin Dzanic, einen muslimischen Arzt. Er ist im Krankenhaus angestellt, seine Schicht dauert heute 18 Stunden. “Hier werde ich richtig herausgefordert so ohne Geräte”, sagt er. Bis Mittags dignstoziert er wenigsten noch mit Röntgen, Ultraschall und einem kleinen Labor. Aber den Rest des Tages gibt es nur ihn und zwei Schwestern.

Krankenhauseinfahrt in Srebrenica. Foto: J.Behrens

Krankenhauseinfahrt in Srebrenica. Foto: J.Behrens

Der Eingangsbereich des Krankenhauses sieht verfallen aus. Das ganze Gebäude wirkt verlassen. Ganz oben in den Fenstern sind Alumatten statt Glas gespannt. Er ist Jahrgang 1986. Seine Augen sind blassblau. Nur manchmal etwas schimmernd. Wenn er von seiner Flucht kurz vor dem Massaker erzählt. Zwei Jahre über Serbien, Ungarn, Tschechien, Polen, Schweden und mit Schleusern nach Deutschland. Dann endlich Asyl in Berlin. Sie sind glasig, wenn er erzählt, dass er keine männlichen Verwandten mehr hat. Er sagt reden hilft. Er und seine Familie reden viel über das was war. Und immer noch ist. Jedes Jahr kommt wieder ein Teil dazu. Ein Teil der Familie der gefunden wird. Knochenstücke, verteilt in vier Massengräbern. Ein Mensch. Sein Opa. Es hört nie auf.

Aufzeichnungen einer Recherchereise in Bosnien mit York Schaefer.

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