Die Drogenkranken von Kabul

Die erschütternde und ergreifende ARTE Reportage über drogenkranke Menschen in Kabul zeigt ein bislang ungeahntes Ausmaß des Krieges, zeigt gebrochene Menschen, alleingelassene Seelen. Ich bin tief getroffen von diesen Lebensumstände fern von Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Menschlichkeit und stelle mir die Frage: Wie wenig kann das Leben eines Menschen wert sein? Worte allein können es nicht beschreiben:

http://videos.arte.tv/de/videos/afghanistan-kaboul-kulturzentrum-fuer-fixer-ausschnitt–7450434.html

Ist nicht auch die Deutsche Regierung verantwortlich zu handeln, den drogenkranken Menschen in Afghanistan zu helfen? Aber wann beginnt Verantwortung? Erst dann, wenn unmittelbare Betroffenheit gegeben ist? Wann ist das Leiden eines Individuums es wert, sich diesem anzunehmen, es zu lindern? Welche Maßstäbe werden hierfür politisch, kulturell und wirtschaftlich angewandt? Ja, sicher, die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat Ressourcen hierfür freigestellt, aber wie bemessen sich Hilfen, wenn Betroffenheit fehlt?

Ich möchte einen Vergleich zu Judith Butlers Thesen zur An- und Aberkennung von Leid ziehen. Butler bezieht sich in „Raster des Krieges“ (2009) auf Hegel und sagt, dass jeder Körper sich potentiell von anderen bedroht sehe, die „per definitionem“ ihrerseits gefährdet seien, so würden verschiedene Formen der Herrschaft entstehen: „Der geteilte Gefährdungsstand führt nicht zu wechselseitiger Anerkennung, sondern zur Ausbeutung ganz bestimmter Bevölkerungsgruppen, zur Ausbeutung von Leben, die nicht ganz als Leben zählen und als »zerstörbar« und »unbetrauerbar« gelten. Diese Bevölkerungsgruppen können verloren oder aufgegeben werden, eben weil sie in einem Rahmen dargestellt sind, in dem sie bereits als verloren oder aufgegeben wahrgenommen werden. […] Gehen solche Leben verloren, sind sie folglich nicht betrauerbar, denn in der verdrehten Logik der Rationalisierung ihres Todes gilt ihr Verschwinden als notwendig, um das Leben der »Lebenden« zu schützen.“ (Butler, 2009: 36). Auf das “Kulturzentrum für Fixer” (Gebäudekomplex des ehemaligen sowjetischen Kulturzentrums in Kabul in dem sich die Abhängigen sammeln) bezogen, könnte dies zynischerweise heißen: überlassen wir die Kranken einfach sich selbst, dann “erledigt” sich das Problem irgendwann von selbst, denn einen Verlust stellt das Ableben dieser Menschen eh nicht dar.

Die Reportage zeigt, der Leidensdruck der drogenkranken Afghanen ist immens hoch. Doch dieser Leidensdruck, so scheint es, ist für die afghanische Regierung und die internationale Gemeinschaft zu weit entfernt vom eigenen Sein, zu weit entfernt von Betroffenheit, die in Anerkennung des Leidens mündet. Ein so kriegsgebeuteltes Land wie Afghanistan ist sicherlich auf mehr Unterstützung angewiesen.

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